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Einsatz Seenotrettung in Ostfriesland


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Seenotrettungsboot CASSEN KNIGGE, Einsatz vom 17.10.1999:
"Ihr habt mir das Leben gerettet!"

Am 17. Oktober 1999 sichtet der Kapitän eines Norddeicher Fischkutters eine Gestalt im Wasser. Zunächst glaubt er, es handele sich um einen Extremsportler, aber der Mensch scheint Signale zu geben. Der Kapitän informiert den Vormann des Seenotrettungsbootes CASSEN KNIGGE. Aus einer Routinefahrt wird ein Einsatz, bei dem es um Leben oder Tod geht.
"Ick hebb dor wat in’t Water seen, Johann, kiek better äben to..." (Ostfr. Platt: "Ich habe da etwas im Wasser gesehen, Johann, sieh lieber nach...")
Das Seenotrettungsboot CASSEN KNIGGE läuft zum Einsatz aus. So meldete sich am Sonntagnachmittag, den 17. Oktober 1999 der Kapitän des Fischkutters Nordlicht beim Vormann des Seenotrettungsbootes CASSEN KNIGGE der Station Norddeich. Eigentlich nimmt er an, dass es sich um einen Surfer oder Kanufahrer handelt. Sie sind in der Regel mit schützenden Neoprenanzügen bekleidet. Doch in diesem Fall meint der Kapitän auszumachen, dass der Mensch im Wasser Signale gibt. Er selbst ist zu weit entfernt, um mehr zu erkennen. Der Tiefgang des Kutters macht es ihm unmöglich, näher heranzufahren. Seenotrettung Norden Norddeich "Bünn all unnerwegens!" (Ostfr. Platt: "Bin schon unterwegs!")antwortet Vormann Johann Janßen knapp, der an diesem Nachmittag eine Kontrollfahrt ins Revier geplant hatte und bereits an Bord des Seenotrettungsbootes ist. Gleich darauf läuft er mit dem Boot und seinem Kollegen Helmut Kölbe aus. Was wie ein kleiner Routineeinsatz aussieht, erweist sich als Rettung eines Menschen aus unmittelbarer Lebensgefahr. Seit einer Stunde ist Hermann P., 45 Jahre alt, im nur zehn Grad kalten Wasser. Er befand sich allein auf dem Weg von Juist nach Norddeich an Bord seines 9,5-Meter-Motorseglers "Femke" (Ostfr. Mädchenname).
Bei einer Bewegung an Bord passiert es: Hermann P. greift um sich, versucht sich festzuhalten. Beim Sturz hält er sich für einen Augenblick am Flaggenstock, der das Gewicht aber nicht hält und bricht. Hermann P. stürzt über die Reling von Bord. Sein Boot, auf Selbststeuerungsanlage geschaltet, setzt seinen Kurs unbeirrt fort.
Das Wasser ist eisig. Hermann P. greift nach der abgebrochenen Flagge. Seine Lage ist fatal. Der Weg zurück zur Insel ist ihm versperrt, denn dort verläuft ein tiefer Priel, der als Fahrwasser dient. Die einsetzende Ebbe erzeugt eine Strömung, in der ein Mensch unweigerlich auf See hinausgezogen wird. Das Festland kann er sehen, aber es ist kilometerweit entfernt. Bald stellt Hermann P. fest, dass er stellenweise den Boden erreicht. Verzweifelt schwimmt und watet er in Richtung Land. Vereinzelt sieht er kleine Flugzeuge, entfernte Boote. Mit seiner Flagge gibt er wieder und wieder Signale, doch niemand scheint ihn zu bemerken. "Zeitweise", sagt er später, "habe ich gedacht: Das war’s. Das schaffst du nicht."

Die Itzendorfer Plate ist eine Sandbank, die sich gleich hinter der 2,5 Kilometer langen Hafenausfahrt von Norddeich erstreckt. Es ist Flachwassergebiet, und normalerweise für das Seenotrettungsboot nicht überall befahrbar. Zudem ist bei der anhaltenden Ostwindlage das Wasser um 60 cm weniger als beim mittleren Hochwasser aufgelaufen. Vormann Janßen kennt das Revier wie seine Westentasche. Dennoch muss er vorsichtig manövrieren, um nicht selbst festzukommen. Bald schon kann er im Fernglas einen Menschen ausmachen, der bis zur Brust im Wasser steht und mit einer Flagge winkt. Wenige Meter hinter dem Menschen macht Vormann Janßen etwas Dunkles im Wasser aus. Ein Segel? Ein Stück Schlauchboot? Es ist nicht erkennbar. Während sie sich nähern, bleibt es stets in gleichmäßigem Abstand hinter dem Menschen sichtbar, der verzweifelt weiter Signale gibt. Schließlich nimmt Janßen das Megaphon: "Wir kommen, wir sehen dich! Du brauchst nicht mehr winken!!!" Doch der Mann im Wasser winkt weiter, bis sie sich vorsichtig direkt neben ihn manövriert haben. Der schwarze Schatten im Hintergrund - ein Seehund - taucht weg.
"Ich werde das nie vergessen", sagt Vormann Janssen später, "wie der Mann fassungslos und entkräftet stammelt: Ihr habt mir das Leben gerettet, ihr habt mir das Leben gerettet!" Viel mehr kann er nicht sagen. Mit vereinten Kräften wird er durch die Bergungspforte, die sich in Höhe der Wasserlinie befindet, an Bord gezogen, durch die Unterkühlung verwirrt, immer wieder seinen Dank stammelnd. An Bord wird er sofort in trockene, wärmende Kleidung gewickelt. Mit Höchstgeschwindigkeit geht es zurück in den Hafen, dann ins Krankenhaus. An Land wird sofort seine Frau alarmiert, die das nächste Flugzeug nimmt, um von Juist nach Norddeich zu kommen. Auf anderem Wege ist das Festland zu dieser Zeit nicht zu erreichen. Den Motorsegler "Femke" macht Vormann Janßen später bei einer Kontrollfahrt in Küstennähe aus. Er ist gestrandet. Erst eine Woche später kann die "Femke" unbeschädigt geborgen werden.
Am Tag nach der Rettung ist Hermann P. bereits wieder wohlauf. Doch Wochen später beschäftigt ihn der Unfall noch sehr. Jemand mit schlechterer Kondition hätte diese Stunde im eiskalten Wasser vielleicht nicht überlebt. "Johann Janßen und seine Familie haben sich sehr um mich gekümmert," sagt er. "Wer weiß, ob es mich noch gäbe, wenn die Seenotretter nicht gewesen wären..."
Im Rettungsschuppen kommt das Gespräch noch einmal auf den schwarzen Schatten im Wasser. Von Delphinen hat man bereits gehört, dass sie Menschen in Not zur Seite stehen. Seehunden wird immer wieder nachgesagt, dass sie neugierige und intelligente Tiere sind. Nachdenklichkeit kommt auf. Vielleicht war es ein Seehund aus der Norddeicher Seehundaufzuchtsstation, der an Menschen gewöhnt war? Vielleicht war er nur neugierig? Und Vormann Janßen sagt still: "Wie wenig wissen wir eigentlich über die Kreatur..."

Quelle: Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger